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Dieser Text ist ein Extrakt vom Buch
"... Und sie steht doch still!"


Die Zeit vergeht! Verlorene Zeit! Keine Zeit! Die Zeit ist ein Begriff, der aus dem Menschsein nicht wegzudenken ist. Unser bewußtes Erleben der Schöpfung hängt untrennbar mit einer zeitlichen Abfolge zusammen, die wir mit unseren Kalendern und Uhren messen, über die wir uns ansonsten aber nicht allzu viele Gedanken machen. Wer aber das Wesen der Zeit tiefer erforschen will, findet sich bald in der von Augustinus so trefflich beschriebenen Situation: „Was ist denn die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, so weiß ich es. Werde ich jedoch gefragt und will ich es erklären, so weiß ich es nicht.“ Die Zeit erscheint uns tatsächlich paradox: Sie ist gleichzeitig kurz und lang. Lang, weil sie schon seit Millionen von Jahren „dauert“, kurz, weil die uns zur Verfügung stehende Zeit so oft nicht ausreicht; gedehnt bis zur Unendlichkeit – oder geschrumpft zu einem Sekundenbruchteil. Die Zeit erscheint auch langsam und zugleich schnell: Langsam für den, der wartet, schnell für denjenigen, der sich seines Tuns selbstvergessen erfreut. „Die Zeiten“ scheinen sich mit uns und der Weltgeschichte zu verändern – und doch bleibt „die Zeit“ völlig unabhängig von allem Geschehen. Ob wir sie verschwenden oder nicht – die Zeit ist, sie steht uns immer zur Verfügung...

Vergeht die Zeit?

Man sagt, die Zeit vergeht. Wenn wir ein wichtiges Ereignis erwarten, das an einem bestimmten Datum oder zu einem bestimmten Termin stattfindet, so liegt dieses Ereignis vorerst noch weit entfernt, in der Zukunft. Doch der Moment rückt näher, der „Abstand“ zwischen ihm und uns wird kleiner – bis die erwartete Zukunft zur Gegenwart wird und schließlich hinter uns liegt; das Ereignis wurde zur Vergangenheit und verschwindet vielleicht ganz aus unserem Bewußtsein. So erscheint uns die Zeit wie ein Fluß, der unabhängig von uns fließt – mit unerbittlichen, unaufhaltsamen, unwiderruflichen Bewegungen. Man kann vergangene Zeiten nicht zurückholen. Der Fluß der Zeit „kommt“ aus der Zukunft, durchfließt die Gegenwart, verschwindet in der Vergangenheit – ein, wie es scheint, stets sich wiederholender Vorgang. Vergeht die Zeit also wirklich, wie es die Zeiger einer Uhr uns als räumliche Bewegung vor Augen führen?

Man stößt auf Widersinnigkeiten, wenn man darüber nachdenkt und kommt zum Schluß, daß die Zeit – die eigentliche Zeit und nicht der Zeiger auf der Uhr – „stillsteht“. Würde die Zeit wirklich an uns „vorüberziehen“ wie ein unsichtbarer Fluß, so wäre dessen Fließgeschwindigkeit doch für jeden dieselbe, jeder Mensch würde das Vergehen der Zeit gleich oder zumindest ähnlich erleben – wie wir es ja auch von den räumlichen Distanzen her kennen. Nun zeigt uns jedoch die tägliche Erfahrung, daß Zeit von uns auf extrem unterschiedliche Weise erlebt wird. Sie „vergeht“ mehr oder weniger schnell, der Person und den Umständen entsprechend. Die Zeit verfließt schnell für jemanden, der etwas mit Begeisterung tut, wie zum Beispiel ein Künstler oder ein in seine Forschungen vertiefter Wisssenschaftler, der, wenn er mittags zum Essen gerufen wird, mit Erstaunen feststellt, daß der Morgen schon vorüber ist. Im Gegensatz dazu vergeht die Zeit schmerzlich langsam für jemanden, der kein Interesse an seiner Arbeit hat, sie vielleicht nur als lästige Pflichterfüllung erledigt. Daraus folgt: Unsere eigene innere Bewegung prägt das Zeiterleben.

Wir gehen durch die Zeit

Für einen Menschen, der aktiv ist, sich mit Begeisterung ins Leben stürzt, hat der Tag bald zuwenig Stunden; dem Passiven hingegen erscheint die gleiche Zeitspanne als gedehnt, ihm ist „langweilig“: Wie können zwei so verschiedene Begriffe der Zeit nebeneinander gültig sein?

Wenn wir annehmen, daß nicht die Zeit dahinfließt, sondern daß wir uns bewegen, wird die scheinbare Widersinnigkeit logisch erklärbar: Unter der Voraussetzung, daß nicht die Zeit mit einer ihr eigenen Geschwindigkeit an uns vorüberzieht, sondern daß das Zeitempfinden mit unserer Geschwindigkeit zu tun hat, also von unserer Aktivität oder Passivität abhängt, dann kann man folgern, daß die Zeit selbst im Grunde still steht. Wir aber gehen durch die Zeit, bewegen uns in ihr.

Diese eigentliche, stillstehende Zeit, die unserem Erleben Raum gibt, hat nun natürlich nichts mit jenem Zeitbegriff zu tun, an den wir denken, wenn wir auf unsere Uhr schauen. Die Zeiger einer Uhr machen im Grunde ja nur die Geschwindigkeit eines gleichmäßigen mechanischen Vorganges deutlich: Uhren dienen zum Messen und Vergleichen einer Dauer oder zum Beschreiben der Momente eines Tages. Wenn wir auf diese Art „die Stunde wissen“, kennen wir damit aber nicht wirklich die Zeit. Stunden, Minuten, Sekunden sind Erfindungen des Menschen (1), aber diese chronometrische Zeit ist nur ein Meßsystem für die stoffliche Welt, während die eigentliche, ewige, stillstehende Zeit, die jeder für sich in der ihm gemäßen Art erlebt, untrennbar zur Schöpfung gehört und ein Werk Gottes ist.

Das Meßsystem „Uhrzeit“ dient demnach der Orientierung des körperlichen Verstandes, der für seine Arbeit immer quantitative Größen benötigt, während die eigentliche, erlebbare Zeit die „Zeit des Geites“ ist. Unser Geist ist immaterieller Art (2), und für ihn ist stets vor allem der qualitative Aspekt bedeutend. Was uns innerlich berührt und ein Vorwärtskommen erlaubt, sind immer die Qualitäten der Dinge, Menschen und Situationen. Für den Geist zählen nicht Mengen, Massen oder Geschwindigkeiten, sondern die Art des Erlebens und das daraus folgende innere Empfinden. Ein kurzer, intensiv erlebter Augenblick ist für den Geist viel nützlicher als ein langer, passiv und maschinell gelebter Abschnitt. Die – mehr oder weniger – lebensdurchpulste „Zeit des Geistes“, die jeder Mensch subjektiv erlebt, hat mit der chronologischen, „kalten“ Zeit der Uhr nur den Namen gemeinsam.

Wer hat zum Beispiel nicht schon den Eindruck gehabt, daß sein einwöchiger Ferienurlaub – sofern dieser besonders erlebnisreich war – 14 Tage oder noch länger gedauert hätte? Sein Geist hat viel erlebt und eben einen längeren Weg zurückgelegt als es in sieben Tagen chronometrischer Zeit üblicherweise der Fall ist. Die Bibel-Worte des Psalmes „Und tausend Jahre sind wie ein Tag“ (90, 4) zeigen in ähnlicher Art, daß die erlebbare geistige Zeit sich von der physisch meßbaren unterscheidet. Im Himmel (dem geistigen Reich) ist das Erleben so intensiv, als ob 1000 Erdenjahren an einem einzigen Tag erlebt werden. So kann man also wie der Dichter sagen: „Die Zeit steht still, wir ziehen durch sie hin“ (Gottfried Keller).

Zeit und Bewegung

In der Gralsbotschaft von Abd-ru-shin heißt es:

„Die Zeit! Vergeht sie wirklich? Weshalb stößt man bei dem Grundsatze auf Hindernisse, wenn man dabei weiter denken will? Sehr einfach, weil der Grundgedanke falsch ist; denn die Zeit steht still! Wir aber eilen ihr entgegen! Wir stürmen in die Zeit, die ewig ist, und suchen darin nach der Wahrheit. Die Zeit steht still. Sie bleibt dieselbe, heute, gestern, und in tausend Jahren! Nur die Formen ändern sich. Wir tauchen in die Zeit, um aus dem Schoße ihrer Aufzeichnungen zu schöpfen, um unser Wissen in den Sammlungen der Zeit zu fördern! Denn nichts ging ihr verloren, alles hat sie aufbewahrt. Sie hat sich nicht geändert, weil sie ewig ist.“ (Band 1, Vortrag „Erwachet!“).

Hier wird nicht nur der entscheidende Punkt angesprochen, daß die Zeit ewig ist und wir „in die Zeit stürmen“, sondern auch, daß das, was sich „im Laufe der Zeit“ ununterbrochen verändert, nicht die Zeit selbst ist, sondern die Formen: Die Zeiger unserer Uhr gehen vorwärts, die Sonne wechselt ihren Stand am Horizont, die Pflanzen entfalten sich, Kinder wachsen, unsere innere Stimmung verändert sich, ebenso die ganze Gesellschaft. Die Formen ändern sich im Schoße der Zeit, die Zeit selbst aber ist ewig und steht still – und außer ihr steht nichts in der Schöpfung still, denn alle Formen verändern sich ununterbrochen im Schöpfungsurgesetz der Bewegung.

In Bewegung ist tatsächlich alles , nicht nur Tiere und Menschen oder die Sterne im All, die sich um sich selbst und zugleich auch um die Zentralachse ihrer Galaxie drehen. Selbst auf der atomaren Ebene kreisen die Elektronen ununterbrochen um die Atomkerne, und auch unsere Innenwelt ist dauernd in Bewegung: Unaufhörlich denken und wollen wir, überlegen wir, streben nach dem einen oder anderen und formen wieder neue Gedanken und Taten.

Das Urgesetz der Bewegung (3), dem alles unterworten ist, führt zu einer ununterbrochenen Veränderung der Formen – und diese Umwandlungen werden nicht durch eine „fließende Zeit“ hervorgerufen, sondern durch die alles durchflutende Schöpfungskraft. Die Zeit selbst verändert oder verlagert sich nicht, kommt nicht als Fluß daher, der von der Zukunft in die Vergangenheit fließt, sondern sie steht still, ist ewig.

Reisen durch die Zeit

Durch unser Wollen und unsere Gedanken bereiten wir immer neue Formen vor, die im „Getriebe“ der Schöpfung dann zur Wirklichkeit werden. Unser Wirken, nicht aber die Zeit, gibt den Impuls zum Werden jener Formen, die wir – vor dem Hintergrund der uns vertrauten „Zeiteinteilung“ – zuerst als Zukunft und dann als Vergangenheit erleben. Jede Veränderung der Formen aber wird in der Zeit aufgezeichnet. So hinterläßt all unser Tun seine Spuren in der Schöpfung, nichts geht verloren, alles wird in der Ewigkeit aufbewahrt.

Daher ist es für besonders begabte Menschen grundsätzlich auch möglich, in geistiger Vertiefung aus dem Schoß dieser Aufzeichnungen der Zeit zu schöpfen und solcherart „durch die Zeit zu reisen“.

Der Traum jedoch, auch körperlich durch die Zeit zu reisen, wurde bislang nur in Romanen und Filmen zur Wirklichkeit. Der englische Schriftsteller und Philosoph H. G. Wells (1866–1946) entwickelte in seinem Roman „Die Zeitmaschine“ als erster diese Idee. Zahllose weitere Science-fiction-Publikationen zum Thema „Zeitreise“ folgten, und es gibt heute sogar ernstzunehmende Physiker, die diese Möglichkeit auf Grund theoretischer Überlegungen und Berechnungen nicht grundsätzlich ausschließen.

Solche physischen Zeitreisen würden freilich zu unlösbaren Widersprüchen führen: Würde jemand, der in die Vergangenheit reist, dort ein Attentat auf seine Urgroßmutter begeht, damit seine eigene Zeugung verhindern? Würde nicht jede solche Reise die ganze Geschichte verändern, weil eben all unser Wollen, Denken und Tun in irgendeiner Form das Weltgeschehen mit prägt? Und würde jemand, der in die Zukunft reist, tatsächlich „die“ Zukunft erleben? Dies würde ja bedeuten, daß sich alles Geschehen ohne Einflußmöglichkeit unabhängig von unserem Willen in vorherbestimmter Art entwickelt; ein freier Wille des Menschen wäre damit ausgeschlossen, der Grundpfeiler unseres individuellen und sozialen Lebens untergraben. Denn ohne freien Willen wäre der Mensch nur ein Spielzeug des Schicksals und nicht für sein Tun verantwortlich. Die Gesellschaft könnte ihn nicht ermahnen, die Gesetze zu achten und könnte ihn auch nicht verurteilen, wenn er – schicksalsbedingt eben – diesen Gesetzen entgegen handelt. Vielleicht kann man den Gedanken an physische Zeitreisen einfach der Ahnung des Menschen zuordnen, daß es möglich ist, geistig in die Aufzeichnungen der eigentlichen , ewigen Zeit zu tauchen.

Was ist die Zeit?

Zu dieser Grundfrage läßt sich als Antwort zusammenfassen: Neben der chronometrischen Zeit, die zu unserem physischen Leben gehört (4) und auch im Mittelpunkt aller theoretisch-physikalischen Überlegungen steht, gibt es die eigentliche, ewige Zeit. Sie gehört zum Schöpfungswerk Gottes und wird uns nur im Erleben erfahrbar.

Diese Zeit ist kein Strom, der die räumliche Wirklichkeit mit sich führt, sondern sie steht still. In dem Schoß ihrer Aufzeichnungen aber finden sich „für alle Zeiten“ die Spuren unserer Bewegung, unseres Menschseins.

(1) Das erste Instrument, das der Mensch zur Zeitmessung benutzte, war vermutlich ein einfacher Stock, senkrecht in die Erde gesteckt. Zwischen Sonnenauf- und -untergang warf der Stock einen Schatten auf die Erde, welcher mit dem Gang der Sonne seinen Stand wechselte. Indem der Weg des Schattens markiert wurde, konnte der Tag in gleichmässige Abschnitte aufgeteilt werden. Dieses System entwickelte sich zur Sonnenuhr weiter. Ihre große Schwäche: Sie konnte nur tagsüber und bei schönem Wetter benutzt werden. Der Mensch suchte bald andere „Zeitmeßgeräte“.
Dazu gehörte die Kepsydra, eine u. a. von den Römern verwendete Wasseruhr, in der das Abfließen von Wasser aus einem Gefäß mit Hilfe von Markierungen zur Zeitmessung verwendet wurde. Nach einem ähnlichen Prinzip funktionierten die Öllampen und Sanduhren. Auch graduierte Kerzen wurden als „Meßgeräte“ verwendet. Sie alle hatten natürlich große Schwächen und Ungenauigkeiten, die vor allem in der Beschaffenheit und im veränderlichen Zustand der verwendeten Materialen lagen.
Die erste mechanische Uhr wurde im 14. Jahrhundert gebaut. Ihr Mechanismus wurde durch ein in Bewegung gesetztes Gewicht ausgelöst, die volle Stunde wurde mit einem Ton angegeben. Dieses Grundmodell der mechanischen Uhr wurde immer weiter perfektioniert. Im 15. Jahrhundert wurde sie mit einem Zifferblatt und einem einzigen Zeiger versehen, der die Stunde angab. Erst Ende des 17. Jahrhunderts erschien der Minutenzeiger. Im 17. Jahrhundert wurden auch erstmals die Gewichte durch ein Pendel ersetzt, im 18. Jahrhundert kamen Spiralfedern zum Einsatz. Dadurch wurden mechanische Uhren immer kleiner – bis hin zur Taschen- und Armbanduhr, wie wir sie heute kennen.

(2) Zum Thema „Geist“ vgl. Kapitel 2 und 3 in diesem Buch.

(3) Diesem Urgesetz folgen auch die Schöpfungsgesetze

(4) Offenbar gehört die chronometrische Zeit gar nicht unbedingt zu unserem physischen Leben. Dies beweisen die Forschungen des englischen Ethnologen Evans-Pritchard, der in den dreißiger Jahren das Volk der Nuer im Sudan studierte und mit Verblüffung entdeckte, daß es kein Wort besaß, das dem Begriff „Zeit“ entsprach. Aber bedeutet dies, daß die Nuer keinen Zeitbegriff besitzen? Nein, denn wenngleich sie über kein abstraktes Vergleichssystem wie Stunden, Minuten, Sekunden verfügen, so besitzen sie dennoch ihr eigenes System, um die Zeit physisch zu erfassen. Für sie sind bestimmte Tagesmomente maßgebend, die ihr Leben bestimmen, zum Beispiel das Führen ihrer Tiere zur Tränke oder zur Weide, deren Rückkehr und Pflege, das Melken usw. Diese verschiedenen regelmäßigen Tätigkeiten nehmen stets ungefähr dieselbe Dauer in Anspruch und bestimmen den Tag der Nuer. Und so bilden sie für dieses Volk auch zeitliche Markierungen. Die Nuer würden also nicht sagen, daß sich um 13 Uhr ein Löwe der Herde genähert hat, sie würden aber angeben, daß die Herde gerade in den Schatten der Bäume geführt wurde, als sich der Löwe näherte. Dieses „Zeit-Meßsystem“ ist vielleicht weniger genau als das unsere, aber es hat auch einen Vorteil: Da die Nuer ihr Meßsystem nach den Tätigkeiten ausrichten und nicht ihre Tätigkeiten nach einem Meßsystem, gibt es sicher keinen Streß!