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Das verborgene Volk: Gnome und Elfen in Island

Island ist bekannt für die einzigartige Schönheit seiner Landschaft – und auch dafür, daß sich die Menschen hier einen lebendigen Bezug zu den Naturwesen bewahrt haben. Die Überzeugung von einer Welt der Gnomen und Elfen führt bis heute zu einer besonderen Form der Zusammenarbeit: Die Isländer vermeiden den Bau von Häusern oder Straßen an besonderen Orten, die dem "verborgenen Volk" gehören

Mehr als nur gut verwurzelter Glaube

Märchen und Legenden, die von Gnomen, Elfen und anderen Naturwesen handeln, findet man überall auf der Welt. Doch in Island betrachtet man diese Wesen wie nirgendwo sonst als Realität, mit der man rechnen muß. Einer Studie zufolge bestätigen fünf Prozent der Isländer, solche Wesen selbst schon gesehen zu haben. 55 Prozent sind von deren Existenz überzeugt oder halten sie zumindest für sehr wahrscheinlich. Und tatsächlich: Wenn man die Isländer über Naturwesen befragt, bekommt man sofort viele Geschichten zu hören, die von besonderen Begebenheiten im Familien- oder Bekanntenkreis erzählen: Die Großmutter erinnert sich daran, welche Elfen sie in den Blumen flattern sah; das kleine Mädchen fragt seinen Vater, wer wohl die Männchen seien, die sich überall im Garten betätigen; der Junge, der an einer schweren Infektionskrankheit beinahe gestorben wäre, erinnert sich an eine "Gruppe von Ärzten", die ihn nachts besucht hatte, um zu helfen – geheimnisvolle Ärzte, von denen niemand im Krankenhaus etwas gesehen hatte.

Solche für den Durchschnittsmenschen nicht sichtbaren Wesen bezeichnen die Isländer als "verborgenes Volk", und sie gehen davon aus, daß sie sich um die Natur kümmern, aber eben auch auf diskrete Weise am Leben der Menschen teilnehmen, sei es in den Wohnungen, Gärten oder Ställen. Für die Isländer besteht dieses verborgene Volk aus verschiedensten Wesen, die wichtigsten davon sind die Elfen, Zwerge, Nixen und Trolle. Dabei geht es nicht nur um einen gut verwurzelten Glauben. In der Überzeugung, daß es Naturwesen tatsächlich gibt, gestehen ihnen die Isländer auch ihren eigenen Lebensraum zu, der unberührt bleiben soll. Deshalb findet man da und dort Straßen, die unerwartet Kurven bilden, plötzlich ihre Richtung oder den Spurverlauf ändern, ohne daß es dafür eine "realistische" Ursache gibt. Der Grund kann vielmehr einfach sein, daß im Straßenbau auf einen Felsblock oder einen Hügel Rücksicht genommen wurde, den ein Elf oder ein Gnom bewohnt.

Zum Beispiel macht die Straße, die zum Fuß des Bergmassivs Kerlingarfjöll im Zentrum Islands führt, kurz vor dem Parkplatz einen überraschenden Umweg um einen großen Felsblock. Üblicherweise hätte man ein solches Hindernis versetzt oder gesprengt – hier aber haben sich die Ingenieure entschlossen, das nicht zu tun. Denn der Fels galt als von einem Troll bewohnt.

Oder: Eine Straße, die von der Hauptstadt Reykjavik in einen Vorort führt, verengt sich plötzlich von zwei Spuren auf eine. Sie würde an dieser Stelle sonst zu nahe an einen Felshügel führen, in dem Elfen wohnen. Deshalb hat man die Straßenbreite reduziert.

Im Distrikt Hegranes sollte für den Straßenbau ein Felshindernis durch Sprengung beseitigt werden. Auch hier kam es nicht dazu. Der dafür verantwortliche Bauleiter träumte eines Nachts davon, daß hier Elfen wohnen, die sich mächtig gegen sein Vorhaben auflehnten. Nachdem auch andere mit dem Bau befaßte Personen ähnliche Warnungen erhielten, respektierte man den Willen der Elfen. Es wurde nicht gesprengt, um einen ebenen Straßenverlauf zu ermöglichen, sondern die Trasse wurde so geplant, daß sie den Grat nun in steilem Anstieg überquert.

Auch bei der Errichtung von Häusern und Gebäuden nimmt man auf das verborgene Volk Rücksicht. Bestimmte Stellen sind deshalb als Bauland tabu. In der Stadt Grundarfjördur gibt es zum Beispiel in der Hauptstraße keine Nummer 84. Die Häuser mit den Nummern 82 und 86 sind durch ein Stück Land getrennt, das bewußt als Naturland bewahrt wurde: Diese Parzelle bewohnt ein Elf.

Auch in einer Vorortstraße von Reykjavik wurde von der Gemeindeverwaltung eine Parzelle zunächst für den Bau eines Hauses freigegeben. Doch die Hausnummer 102 sollte es in dieser Straße dann doch nicht geben. Man zog die Baubewilligung zurück, "um Ärger zu vermeiden". Der Gemeindeverwaltung war nämlich mitgeteilt worden, daß eine Gruppe Elfen diese Parzelle bewohne.

Solche Informationen werden von hellsehenden Menschen vermittelt, die mit den Naturwesen kommunizieren können und so entsprechende Botschaften erhalten. Oder bestimmte Menschen werden durch Intuitionen, Vorahnungen oder Träume von den Wünschen des verborgenen Volkes in Kenntnis gesetzt.

Es geht darum, "Ärger zu vermeiden"

Daß man solche Informationen ernst nimmt und Maßnahmen setzt, um etwa "Elfenhügel" zu schonen, könnte als Ausdruck eines veralteten Glaubens betrachtet werden. Aber die Isländer haben offenbar gute Gründe, auf Naturwesen Rücksicht zu nehmen. Denn durch zahlreiche Erlebnisse haben sie gelernt, daß man gut daran tut, Warnungen zu befolgen, weil sonst größerer "Ärger" folgen kann.

Das haben beispielsweise jene Bauunternehmer erlebt, die mitten in einem Zentrum des verborgenen Volkes ein Feriendorf errichten wollten: Die Baustelle war seit Wochen eröffnet, Arbeiter und Maschinen waren aktiv, eigenartigerweise aber gingen die Arbeiten nicht voran. Nichts war wie gewöhnlich, eine nicht enden wollende Reihe von Schwierigkeiten, Hindernissen und Mißgeschicken verlangsamte die Verwirklichung des Projektes. So stürzte zum Beispiel ein 50 Tonnen schwerer Bagger in einen Graben … zweimal nacheinander! Der Bauleiter hatte Ähnliches in seiner dreißigjährigen Berufserfahrung noch nie erlebt und stand vor einem Rätsel.

Daraufhin wurde jemand, der die Fähigkeit besitzt, Naturwesen zu sehen und mit ihnen in Kontakt zu treten, eingeladen, sich das Gelände anzusehen. Dabei kam tatsächlich zutage, daß das Gebiet, auf dem das Feriendorf errichtet werden sollte, dicht von Gnomen, Nixen und Trollen bewohnt war, die sich nun kraftvoll gegen den Bau auflehnten und auf subtile Art die Probleme und Verzögerungen förderten.

Ähnliche Erfahrungen gibt es in großer Zahl und liegen deshalb der Meinung zugrunde, daß man gut daran tut, den Lebensraum der Naturwesen bei allen Bauprojekten zu berücksichtigen. Viele Isländer lassen zum Beispiel einen hellsehenden Menschen kommen, bevor sie mit dem Bau eines Hauses beginnen. Aber eben auch bei öffentlichen Bauten versucht man Rücksicht auf das verborgene Volk zu nehmen, um spätere Unannehmlichkeiten von vornherein zu vermeiden.

Agieren Naturwesen ähnlich wie Menschen?

Wenn man von den Warnungen und Bemühungen erzählen hört, die von Naturwesen ausgehen, um zum Beispiel einen Hügel oder ein Felsstück zu erhalten, dann erscheint das verborgene Volk als sehr menschenähnlich und auch als sehr abhängig Den Berichten zufolge besteht der mögliche Schaden durch unachtsame Baumaßnahmen darin, daß beispielsweise ein Gnom diesen Ort liebt und ihn nicht verlassen möchte oder daß der Bau sogar sein Leben bedroht.

Doch wer sich näher mit Naturwesen befaßt, weiß, daß man sich ihr Leben und Wirken nicht allzu vermenschlicht vorstellen sollte. Naturwesen sind keine Menschengeister. Sie haben eine andere Wesensart und verfügen demzufolge auch über andere Fähigkeiten.

Ein großer Unterschied liegt in der Willensfähigkeit: Der Mensch hat einen freien Willen; er kann daher auch Entscheidungen treffen, die dem aufbauenden Wirken der Naturgesetze, dem, was gut und gerecht, logisch und vernünftig ist, entgegenstehen. Naturwesen hingegen besitzen diese Fähigkeit des freien Entscheidens nicht, sie handeln immer im Sinne der Naturgesetze. Ihr Wille und ihr Wirken fördert und unterstützt daher ausschließlich die Entwicklung der Natur und will nicht persönliche Bedürfnisse und Ansprüche durchsetzen. Jede Art des verborgenen Volkes hat dabei ihr Gebiet: für die Elfen sind es die Blumen und Pflanzen, für die Gnome die Steine und Felsen, für die Nixen ist es das Wasser usw.

Aber die Naturwesen sind – im Gegensatz zu dem, was verschiedene Berichte annehmen lassen – nicht fest an ihre Wohnstätten gebunden. Wenn ein Fels also von der Zerstörung bedroht wird, so ist damit nicht wirklich auch das Leben des Gnoms bedroht, der ihn bewohnt.

Naturwesen fördern in ihrer Art alle Wachstums- und Veränderungsprozesse in der Natur. Sie schaffen und erhalten das, was wir als natürliches Charakteristikum einer Region betrachten, die Gesamtheit der Wiesen, Wälder, Felsen, Hügeln und Bäche. Nichts in der Natur im allgemeinen und in jeder Region im besonderen ist eine Frucht des Zufalls, alles ist weise organisiert und gestaltet. Und bestimmte Elemente der Landschaft, Felsen oder Hügel sind dabei besonders wichtig für das gesamtenergetische Gleichgewicht.

Wenn solche bedeutenden Plätze durch den Menschen bedroht werden, reagieren die Naturwesen im Rahmen ihrer Möglichkeiten – durch Warnungen oder indem sie der Verwirklichung eines Vorhabens entgegenwirken. Menschliche Arbeit an und in der Natur gelingt umso leichter, je besser der bewußte oder unbewußte Kontakt zu den Naturwesen ist, aber – wie das Beispiel des Feriendorfes zeigt – nur langsam und gehemmt, wenn sie keine Unterstützung erhält. Es sind also nicht etwa "persönliche Anliegen", die die Naturwesen dazu veranlassen, einen Ort schützen zu wollen, sondern übergeordnete, naturgesetzmäßige Gründe.

Weshalb gerade in Island?

Wenn man all diese Gegebenheiten in Betracht zieht, kann man sich natürlich fragen, weshalb die Naturwesen im Hinblick auf – global gesehen – recht unbedeutende lokale Ereignisse manchmal so energisch reagieren und auf wirklich entscheidende Umweltbelastungen wie etwa die Verschmutzung der Meere oder die Zerstörung der Regenwälder, anscheinend gar nicht.

Nun, sie reagieren und warnen, wie Menschen, die mit dem verborgenen Volk in Kontakt stehen, auch immer wieder betonen. Aber wenn die Warnungen unberücksichtigt bleiben, weil die Mehrzahl der heutigen Menschen den lebendigen Glauben an Naturwesen verloren hat? Dann wird jede Form der Zusammenarbeit unmöglich – außer eben dort, wo noch eine gewisse Öffnung vorhanden ist, wie in Island.

Hier sind die Menschen dem verborgenen Volk an ihrer Seite wohl deshalb besonders geöffnet, weil sie im Hinblick auf die außergewöhnlichen Naturgewalten, die dieses Land prägen, besonders wachsam sind.

In Island wechselt das Wetter extrem schnell. Warmen Winden aus dem Sünden können in kurzem Abstand eisige Nordwinde folgen. Im Sommer ist es fast 24 Stunden am Tag hell, der Winter dagegen ist dunkel und düster, die Sonne scheint gar nicht oder kommt nur kurz über den Horizont. Die hohen Gipfel sind das ganze Jahr über schneebedeckt, während in der Ebene die heißen Quellen und Geysire kochen. Zahlreiche Vulkane sind noch aktiv, und täglich erschüttern kleine bis mittlere Beben den Boden.

Ein Leben unter diesen Umständen macht sensibel und fördert die innere Öffnung für das Wirken der Natur – und für die sie belebenden Wesen, das verborgene Volk!

Christopher Vasey

Dieser Artikel basiert sich auf den Kenntnissen der Gralsbotschaft