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Die Lebensphasen und der Wert des Alters

Der Mensch wird unaufhaltsam älter und träumt doch von jeher den Traum von der ewigen Jugend. Unter dem Stichwort "Anti-Aging" wird heute geradezu ein Feldzug gegen die gefürchteten Symptome des Alters geführt. Zu Recht? Bei näherer Betrachtung erscheint gerade das Seniorenalter als ein kostbarer Lebensabschnitt, dessen Wert nicht zu unterschätzen ist.

Ein natürlicher Prozeß

Wissenschaftlern zufolge erreicht der Mensch den Höhepunkt seiner körperlichen Fähigkeiten im Alter von ungefähr 25 Jahren; anschließend würde sich ein langsamer Verfall vollziehen. Dies scheint jedoch etwas übertrieben. Ein Mensch kann noch einige Jahrzehnte im vollen Besitz seiner körperlichen Kräfte leben – was jedoch nicht heißt, daß nicht von einem gewissen Moment an Zeichen eines beginnenden Alterns auftreten wie das Ergrauen der Haare, Faltenbildung, ebenso verminderte Organfunktionen.

Es handelt sich dabei um einen langsamen Prozeß, der von einer Person zur andern auch von unterschiedlicher Intensität ist. Obwohl dieses natürliche Älterwerden weiterhin ein angenehmes Leben ermöglicht, wenn auch mit einem langsameren Rhythmus, so wird es doch oft schlecht akzeptiert. Der Grund dafür ist, daß es irrtümlicherweise mit dem sogenannten künstlichen oder pathologischen Altern verwechselt wird. Letzteres ist bedingt durch Krankheit oder eine schlechte Lebenshygiene. Die davon betroffenen Menschen sind leidend, sie haben Mühe, sich zu bewegen, oder sind ans Bett gefesselt. Sie verlieren die Möglichkeit, klar zu denken, und sind oft deprimiert.

Wenn man sich nun zu sehr auf solche Fälle konzentriert, kann es passieren, daß sie als die Norm angesehen werden. So verwechselt man pathologisches Altern mit dem natürlichen. Der sich mehr und mehr daraus kristallisierende Gedanke ist, daß das Lebensende ein langsamer und unumgänglicher Niedergang der Organfunktionen mit anschließender Abnahme der psychischen Möglichkeiten sei: Der Verbrauch und die Verkalkung des Körpers ziehe die der Gedanken nach sich.

Daß das Älterwerden tatsächlich ein langsamer Niedergang ist, würde stimmen, wenn wir nur ein physischer Körper wären. Der physische Körper aber macht nicht den ganzen Menschen aus. Es gibt noch etwas anderes: unser inneres Wesen. Dies ist etwas vom Körper Unterschiedliches und Unabhängiges. Es ist von ganz anderer Art. Wir und unser Körper sind zweierlei. Das Seniorenalter ist ein Lebensabschnitt, welcher diese Tatsache ganz besonders gut zum Bewußtsein bringen kann.

Unser Körper und wir

Im Laufe der vorüberziehenden Jahre kann jeder beobachten, daß sein Ich den Alterungsprozeß des Körpers nicht mitmacht. Es gibt ältere Menschen, die sehr schwach oder sogar in ihren körperlichen Möglichkeiten stark eingeschränkt sind, während sie innerlich, mit ihrem Ich oder ihrem Wesen, wach, interessiert, lebhaft und voller Wärme sind. Nur die Tatsache, daß das Ich und der Körper voneinander verschieden sind, läßt dies zu. Außerdem, wenn wir in unserem eigenen Leben zurückschauen und uns zuerst als Kinder sehen, dann als Jugendliche und junge Erwachsene, so können wir feststellen, daß mit dem Älterwerden nicht gleichzeitig auch unsere Identität gewechselt hat. Wir sind stets und grundsätzlich immer wir selbst geblieben. Wir haben uns trotz des Wandels unseres Körpers immer als wir selbst empfunden. Es besteht also tatsächlich ein Unterschied zwischen ihm und uns.

Dieser Unterschied kann auch in anderen Lebenssituationen beobachtet werden. Zum Beispiel, wenn wir krank werden. Die Schmerzen und Leiden der Krankheit will das Ich nicht, sie drängen sich ihm gegen seinen Willen auf. Solches ist nur möglich, weil wir und unser Körper zwei unterschiedliche Dinge sind. Es gibt Tage, da fühlen wir uns abwesend, nicht richtig da. Wir "schweben" etwas über der irdischen Realität und vermögen den auf uns zukommenden Situationen nicht richtig zu begegnen. Unser Ich ist mit dem Körper nicht richtig verbunden. Wird uns eine gute Nachricht übermittelt oder wendet sich etwas zum Guten, das uns mit ganz besonderer Freude erfüllt, so fühlen wir uns plötzlich leicht. Unser Körper hat sein Gewicht in so kurzer Zeit nicht verändert, unser Ich jedoch und sein verstärktes Strahlen empfindet ihn als weniger schwer. Jeder kann so an sich selbst erleben, daß Körper und Ich nicht eins sind. Nun, wenn wir nicht unser Körper sind, wer ist dann dieses Ich, das ihn bewohnt und ihn belebt?

Was ist das Ich?

Den Menschen als nur aus Fleisch und Blut bestehend zu betrachten, ist eine Ansicht, die der verbreiteten materialistischen Weltanschauung entspricht. Dieser Auffassung zufolge wäre der Mensch eine Ansammlung von physischen Organen, aus welchen auf mysteriöse Weise ein Bewußtsein, ein Wille sowie alle anderen psychischen Fähigkeiten ausgehen.

Es gibt jedoch noch eine andere Sichtweise, die geistige, welche auch allen großen Religionen zueigen ist. Ihr zufolge gehören viele Dinge zur Realität ohne materiell greifbar zu sein. Zum Beispiel Vorstellungen, der Wille und die Liebe. Sie können materiell weder gemessen noch analysiert werden, existieren aber dennoch. Dazu gehört auch: das Leben.

Obwohl die Lebenskraft selbst immateriell und unsichtbar ist, ist es einfach, ihre Existenz durch ihre Auswirkung auf die Materie festzustellen. Nimmt man zum Beispiel zwei Apfelkerne, den einen gekocht, den anderen roh, so wird der Materialist beide als genau gleich bezeichnen. Und dennoch besteht ein großer Unterschied zwischen ihnen: Der rohe Kern kann keimen und "Leben geben", etwas, das dem gekochten nicht mehr möglich ist. Von geistiger Warte aus betrachtet ist das Lebendige im Menschen sein Geist. Der Geist, unser eigentliches Ich, ist also der belebende Kern unseres Körpers. Er ist – im Sinne des Begriffes "Seele", nicht des Verstandes – das einzig wirklich Lebendige im Menschen, das Zentrum unserer Persönlichkeit. Er ist das Ich, welches sagt: "Ich habe einen Körper" – und nicht: "Ich bin ein Körper". Er ist der Sitz des Bewußtseins von uns selbst und dessen, daß wir eine von allen anderen verschiedene Persönlichkeit sind. Im Geiste befindet sich auch unser tiefes Trachten und Sehnen, unsere Fähigkeit, freie Entscheidungen zu treffen, und unser Wille zur Erfüllung. Die Eigenschaften unseres Geistes sind unsere Charakterzüge: Die guten entstanden aus den Bemühungen, die entsprechenden Vorzüge oder Tugenden in uns zu entwickeln, die schlechten geschuldet einer Vernachlässigung der entsprechenden Fähigkeiten.

Zur Belebung des Körpers genügt es, daß der Geist inkarniert, also anwesend ist. Sein bloßes Da-Sein hält den Organismus am Leben. Der Geist muß sich dafür nicht besonders mühen. Es bedarf auch nicht des Tagbewußtseins, da die belebende Wirkung sowohl im wachen Zustand als auch während des Schlafes anhält, ja sogar während einer langen Zeit der Bewußtlosigkeit, wie dies während des Komas der Fall ist.

Der Geist und sein Werkzeug

Zenn der Geist nun tatsächlich existiert, jedoch nicht aus dem Körper hervorgegangen ist, woher kommt er denn? Alle großen Religionen sind sich in der Annahme einig, daß der Geist aus dem geistigen Reich (oder Paradies), welches die höchste Ebene der Schöpfung bildet, stammt. Dies ist auch der Grund dafür, daß er anderer Art als der Körpers ist. Es ist ebenfalls der Grund dafür, daß der Geist auf Erden ein Werkzeug braucht, welches ihm erlaubt, seine Umgebung wahrzunehmen und in ihr zu wirken.

Dieses Werkzeug ist der irdische Körper, welcher während der Schwangerschaft von der werdenden Mutter vorbereitet wird. Während der Kindheit wächst dieses Werkzeug, belebt durch den Geist, heran und entwickelt sich, um zu Beginn des Erwachsenenalters voll zu erblühen. Der Geist lernt sein Werkzeug zu meistern und zu nützen.

Im Laufe der Zeit verbraucht sich der Körper und ermüdet. Eines Tages kommt der Moment, da nichts mehr den Geist auf der Erde zurückhält. Er löst sich vom Körper: Dies ist der irdische Tod. Indem er den Körper verläßt, hört der Geist jedoch nicht auf zu existieren. Er überlebt die Existenz seines Werkzeuges, da er von anderer Art ist. Der Ursprung des Geistes ist also nicht auf der Erde, die Erde ist nur ein Durchgang. Die Geschichte dieses Durchganges läßt sich weiter untergliedern.

Die vier Lebensphasen

Das Menschenleben kann in vier große Abschnitte aufgeteilt werden: Die Kindheit, die Jugendzeit, das Erwachsenenalter und das Seniorenalter. Während dieser verschiedenen Phasen sind die physischen und psychischen Möglichkeiten jeweils anders, ebenso die Wesens- und Wirkungsweise. Diese vier Lebensabschnitte entsprechen den Eigenschaften der vier Temperamente: sanguinisch, melancholisch, cholerisch und phlegmatisch.

Die Kindheit

Während der Kindheit muß der Geist, welcher erst kurze Zeit im Körper inkarniert ist, lernen, dieses neue Werkzeug, das ihm zur Verfügung gestellt wurde, zu nutzen. Er muß auch die Umgebung, in der er sich nun befindet, entdecken und erforschen. Während dieser Zeit hilft dem Geist das sanguinische Temperament mit seinem verspielten und wissensdurstigen Naturell zum günstigen Ablauf dieser Lernphase, es verleiht ihm Entdeckungsfreude und Lebhaftigkeit. Kinder sind immer in Bewegung, fassen alles an, interessieren sich für jedes und wollen alles ausprobieren. Das sanguinische Temperament verleiht auch die Sorglosigkeit, was den Kindern ermöglicht, furchtlos und ohne Zögern vorwärts zu gehen. Der Geist ist während der Kindheit im Körper wohl inkarniert, die Verbindung zwischen den beiden Elementen ist jedoch noch nicht so eng, wie dies später der Fall sein wird. Dies erlaubt dem Kinde, alles mit mehr Distanz und Leichtigkeit zu nehmen.

Die Jugendzeit

Wenn die der Kindheit eigene Lehrzeit abgeschlossen ist, so verbindet sich der Geist eng mit dem Körper, um ihn so voll nutzen zu können und die von außen kommenden Einflüsse intensiver nachzuempfinden. Dieses noch stärkere Inbesitznehmen vollzieht sich sukzessive und wird durch die hormonellen Veränderungen, die sich in diesem Lebensabschnitt vollziehen, ausgelöst und führt so zum melancholischen Temperament. Der werdende junge Erwachsene kann sich nicht mehr damit begnügen, sorglos nur im Augenblick zu leben. Er muß sich auf die ihn erwartende aufbauende Aktivität und Verantwortung vorbereiten. Die Jugendzeit ist eine Zeit des Sichbewußtwerdens, welches für die spätere Tätigkeit notwendig ist. Dies findet statt in den die Jugendlichen oft erfüllenden tiefen Überlegungen und idealistischen Träumereien. So beobachtet der Jugendliche mit hohen moralischen Kriterien seine Familie, die Gesellschaft und die Weltsituation, daher sein Auflehnen gegen Ungerechtigkeit, seine "Kreuzzüge" für mehr Respekt und Weltfrieden. Seine melancholische Art führt zum Wunsch, "die Welt neu zu gestalten", höheren Werten entsprechend, als diejenigen seiner Umwelt es sind. Indem er sich diesen Träumereien hingibt, verankert er in sich hohe Werte und moralische Prinzipien, die dem menschlichen Wirken zu Grunde liegen sollten. Sich dieser Werte bewußt zu werden, ist für ihn vorrangig, denn bald wird er das Reifealter erreichen und damit auch seine volle Verantwortung.

Das Erwachsenenalter

Das cholerische Temperament, das während des Erwachsenenalters vorherrscht, drängt zur Aktivität, verleiht Ungeduld zum Wirken und den Wunsch, etwas zu schaffen. Der Geist hat weder Zeit noch Lust, ein passives Leben zu führen. Er will etwas erreichen, solange er auf dieser Erde weilt. Er will seinen Willen im irdischen Leben verwirklichen, seine Umgebung umgestalten und Werke schaffen. Während des Erwachsenenalters ist Arbeiten und etwas Schaffen keine Last, sondern Bedürfnis und Freude. Während dieses intensiven Lebensabschnittes macht der Geist vielfältige, glückliche und unglückliche Erfahrungen, welche ihm helfen, seine eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Der Geist ist mit den Wünschen und der Tätigkeit anderer Erwachsener konfrontiert und lernt so gezwungenermaßen, auf seine Umwelt Rücksicht zu nehmen und sie zu respektieren.

Das Seniorenalter

Während der ersten drei Lebensabschnitte war das Bemühen dahin gerichtet, zuerst eine Verbindung zwischen Geist und Körper herzustellen, anschließend diese zu festigen und zu erhalten. Nun jedoch findet nach und nach ein entgegengerichtetes Bemühen statt. Ein progressives Loslösen vollzieht sich nun, um – wenn die Zeit dazu gekommen ist – die letzte Loslösung zu erleichtern. Denn wenn der Tod eintritt, so löst sich der Geist vom Körper, um seine Existenz in den feinstofflichen Ebenen fortzusetzen.

Das Temperament des Seniorenalters, das phlegmatische, verhilft zu diesem langsamen Loslösen. Das Bedürfnis, sich in der Materie grob zu bestätigen, vermindert sich und wird mehr und mehr von einem tiefen Wunsch nach dem Verständnis und dem Sinn aller Dinge ersetzt. Betrachtungen und Verinnerlichung nehmen nun größeren Raum ein, der Lebensrhythmus wird geruhsamer – wenn dies auch nie zum gänzlichen Untätigsein, zu vollständiger Passivität und damit Stillstand führen darf.

Loslassen, Abstand vom Materiellen nehmen – dies wird nach und nach die neue Ausrichtung des Geistes. Es kommt einem Gewissensexamen nahe und einem Bilanzziehen vor einem neuen Abschnitt. Dies Examen bedingt ein Auf-sich-selbst-Besinnen und ein Prüfen seiner Erfahrungen. Ist es übrigens nicht eine Charakteristik älterer Menschen, daß sie sich Erinnerungen hingeben, von ihrer Kindheit, Jugend und der "guten alten Zeit" berichten? Wird die Zeit des phlegmatischen Temperaments voll gelebt, so kann dem Tode ohne Bangen entgegengesehen werden, und der Geist wird sich dann zur rechten Zeit leicht vom Körper loslösen.

Die Lebensphasen beachten

Das seinem Alter entsprechende Temperament voll zu leben, ist wesentlich, wenn man sicher und vertrauensvoll seinen Lebensweg beschreiten will. Nun ist dies jedoch oft nicht der Fall. Sei es, daß man verfrüht das Verhalten des nachfolgenden Alters annimmt, oder daß man versucht, die Elemente des vergangenen Abschnittes beizubehalten. Es gibt beispielsweise Eltern, die unter dem Vorwand, die Fähigkeiten und Anpassungsmöglichkeiten ihrer Kinder zu begünstigen, sich bemühen, diese mit Situationen zu konfrontieren, welche ihrem Alter noch nicht entsprechen. Die Kinder verlieren dabei ihre Sorglosigkeit und Spontaneität und damit auch Möglichkeiten, zu lernen und sich anzupassen. Die langen wehmütigen Träumereien der Jugendlichen ärgern manchmal die Eltern, da es ihnen scheint, als ob sie ihre Zeit verschwenden. Aber indem man die Jugendlichen ihrer Träumereien beraubt, beraubt man sie zugleich der Möglichkeit des Sichversenkens in die hohen Werte, mit denen sich die jungen Menschen während dieses Lebensabschnittes natürlicherweise beschäftigen.

Während des Erwachsenenalters ist man normalerweise glücklich, wenn man aktiv ist und arbeiten kann, um im Leben weiterzukommen und seinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Der Wunsch vieler jedoch ist, nicht arbeiten zu müssen, um so über viel freie Zeit zum Nichtstun zu verfügen. Dieser Wunsch ist nicht natürlich. Man denke nur an die Not der langzeitigen Arbeitslosen, um sich dessen bewußt zu werden. Ohne Tätigkeit, in der er seine Kräfte einsetzen kann, fühlt sich der Erwachsene nutzlos. Er verliert sein Selbstvertrauen und kann depressiv werden, denn er lebt entgegen seinem Temperament.

Die Zurückweisung des Seniorenalters mit seiner vermehrt meditativen und phlegmatischen Art ist in der heutigen Zeit geläufig. Das Bild eines abgeklärten älteren Menschen voller Weisheit wird nicht mehr angestrebt. Es besteht eine klare Tendenz, über das Vernünftige und Mögliche hinaus jung bleiben zu wollen. Dies zeigt sich durch ein "jugendliches" Verhalten sowohl in Bezug auf die Bekleidung und den Haarschnitt als auch die Sprache und die Vergnügungen. Manchmal ist es wie eine Flucht nach vorne: Sportliche Aktivitäten, Vergnügen und Reisen in rascher Folge sollen beweisen, daß alles zum Besten steht und das Alter noch weit entfernt ist. Die Kräfte, welche solche Menschen verschwenden, um diesen Rhythmus beizubehalten, stehen dann für die Besinnung vor dem Verlassen der Erde nicht mehr zur Verfügung.

Dies bedeutet jedoch nicht, daß man nicht mehr aktiv sein und nichts mehr unternehmen soll, keine Pläne mehr haben darf, wenn man älter wird – diese sollten lediglich langsam den Möglichkeiten des Zeitabschnittes angepaßt werden. Sie sollten ebenfalls vermehrt Zeit und Energie für die innere Vertiefung und Vorbereitung aufwenden.

Mit dem Reifen des Körpers und schließlich seinem Altern läßt uns die Natur automatisch und zur rechten Zeit von einer Phase der Temperamente zur nächsten gleiten. Sich ihr jedesmal anzupassen, indem sie voll gelebt wird, ist ein Zeichen von Weisheit, denn jedes Alter hat seinen Sinn und sein Ziel.

Was nützt der Erwerb von Wissen?

Auf ganz natürliche Weise erwacht so mit den vorüberziehenden Jahren das Bedürfnis, sich zu besinnen und Lehren aus dem Erlebten zu ziehen. Manche fragen sich jedoch, ob sich dies denn wirklich lohnt. Weshalb sich mühen? Warum sich die Mühe nehmen, zu verstehen und noch zu lernen? Ist das Ende des Lebens nicht schon nahe? Hier muß die Unterscheidung zwischen zwei Arten von Wissen gemacht werden. Einerseits die intellektuellen Kenntnisse, die beim Tode mit dem Gehirn, in dem sie aufbewahrt werden, auf der Erde verbleiben; andererseits das geistige Wissen, das sich im Geiste befindet und das von diesem auch mitgenommen wird. Die intellektuellen Kenntnisse haben ihren Ursprung in der Aktivität des Gehirnes. Es handelt sich hier um Kenntnisse, welche materielle und irdische Dinge betreffen. So zahlreich und vielfältig diese auch sein mögen, sie sind nur auf der Erde von Nutzen und der Geist läßt sie hinter sich, wenn er die Erde verläßt. Sie zersetzen sich gleichzeitig mit dem Gehirn.

War es eine Zeit- und Energieverschwendung, diese Kenntnisse manchmal auf so mühevolle Weise erworben zu haben? Sicher nicht, denn sie sind notwendig, jedoch muß man sich bewußt sein, daß ihr Nutzen vergänglich ist, da sie nur von Wert für die Dauer des gegenwärtigen Erdenlebens sind. Doch von allem, was er auf der Erde gelernt hat, kann der Mensch nur von dem, was ihn auch innerlich, das heißt auf Geistesebene, getroffen hat, echten Gewinn ziehen. Bildet er sich beispielsweise zum Juristen aus und arbeitet er dann auch in diesem Beruf, so entwickelt sich im Geiste des Juristen das Empfinden für Gerechtigkeit. Dieses Gerechtigkeitsempfinden ist eine geistige Eigenschaft, sie bleibt ihm nach dem Tode erhalten – die Gesetzesparagraphen jedoch, die zum Erkennen der Gerechtigkeit beigetragen haben, nicht. Genauso wie ein Lehrer der Kunstgeschichte nicht die Namen berühmter Maler oder Kunstrichtungen mit sich nimmt, sondern das Schönheitsempfinden, welches sich durch diese Tätigkeit entwickelt hat, da dies ebenfalls eine Eigenschaft des Geistes ist. So ist nur, was ein Mensch mit seinem Gemüt (dem Geist) – und nicht mit dem Kopf – erlebt, für ihn von wirklichem Gewinn. Es ist das Erleben, das zählt, denn es verankert sich in uns, formt unsere Persönlichkeit, um dann anschließend unsere Art zu Denken und zu Handeln zu lenken, ohne daß wir dabei überlegen müssen. Es ist dies der "gute Kern", welcher uns belebt und uns manchmal auf eine Weise handeln läßt, die uns selbst überrascht. Denn es handelt sich hier nicht um äußere Kenntnisse, die im Gehirn aufbewahrt werden, sondern um ein inneres Wissen, welches das Ergebnis des Erlebens und der Lehren ist, die wir daraus gezogen haben. Es gehört zu unserem eigentlichen Ich: dem Geist. Dieses Wissen ist in uns, es gehört zu uns, es ist das Ich.

Beim Tode löst sich der Geist vom Körper und nimmt alles geistige Wissen, das er erworben hat, mit sich. Demnach ist es nicht nutzlos zu lernen, auch nicht gegen Lebensende. Bilanz ziehen und Lehren aus seinem Erleben zu ziehen ist immer gewinnbringend. Dieses geistige Wissen, das von Dauer ist, sind in einem gewissen Sinn die Werke, welche uns nachfolgen, wie es in der Bibel heißt. Dem Geiste sind sie immer Gewinn, wo er auch sei.

Worauf sich vorbereiten?

Es hieß, daß das Seniorenalter die Gelegenheit gibt, seine Lebensbilanz zu ziehen, um sich für das Nachher vorzubereiten. Aber wohin geht er nach seinem Erdenaufenthalt? Wie geht es für ihn weiter, was kommt danach? Der Geist verbindet sich nur vorübergehend mit dem Körper, um auf der Erde leben zu können. Beim Tode, indem er sich vom Körper löst, verläßt der Geist die Erde wieder und begibt sich anderswo hin. Daß er sich wirklich an einen anderen Ort begibt, ist etwas, das wir unbewußt als richtig erkennen, wie verschiedene Ausdrücke unserer Sprache zeigen. Wenn wir sagen, daß der Abgeschiedene seine Nächsten "verlassen" hat, heißt das doch, daß er sich von ihnen entfernte, daß er also noch existiert und sich woanders hinbegeben hat. Spricht man von seinem "Weggang", bedeutet dies, daß er einen Ort verließ, um sich an einen anderen zu begeben. Wohin? Den Kindern, welche diese Frage stellen, gibt man spontan die Antwort, daß er "im Himmel" sei.

Der "Himmel" aber ist ein weitläufiger Begriff, denn es ist nicht so, daß der Geist sogleich hoch oben in den höchsten Himmel, das heißt in das geistige Reich oder Paradies, eintreten kann. Er hält sich zuerst in der Erde näheren Regionen auf, welche Jenseits genannt werden, weil sie sich jenseits des Wahrnehmungsvermögens unserer fünf Sinne befinden. Hier fällt der Geist nicht in einen tiefen Schlaf, sondern führt gemeinsam mit anderen Geistern ein aktives Leben. Er fährt fort, zu erleben und Erfahrungen zu machen, wie er dies auch schon auf der Erde getan hat. Diese Erfahrungen haben außerdem dasselbe Ziel: ihm dazu zu verhelfen, das Gute in sich zu entwickeln. Denn wenn er seine geistigen Fähigkeiten, welche in ihm ruhen, voll entfaltet hat, wird er ins Paradies, seine eigentliche Heimat, als voll entwickelter Geist zurückkehren können. Das Seniorenalter bedeutet also nicht das Ende unserer Existenz und muß auch nicht als eine Zeit ohne Hoffnung betrachtet werden. Es ist eine Zeit des Überganges, deren Charakteristiken uns helfen, den nächsten Abschnitt besser erleben zu können. Wer sich bewußt ist, daß die Dinge so verlaufen, wird angesichts des Todes ruhig. Es verhilft ihm dazu zu erklären, daß er "bereit sei zu sterben" und daß "ihn nichts mehr zurückhält". Er begrüßt sogar das nahende Ende, denn er fühlt, daß seine Zeit auf der Erde abgelaufen ist und daß die Schwäche seines Körpers ihm nicht mehr die Aktionsfreiheit früherer Zeiten läßt. So strebt er ganz natürlich nach einem neuen Anfang und einem neuen Wirkungsfeld.

Das Alter als Krönung

Das Seniorenalter erstreckt sich heutzutage oft über mehr als zwanzig Jahre. Dies entspricht ungefähr einem Viertel des Erdenlebens. Ein solcher Zeitabschnitt ist zu lange und zu kostbar, um vergeudet zu werden. Wie in jedem Lebensabschnitt gibt jeder Tag dieses Lebensalters erneut die Gelegenheit, sich seines Daseins zu freuen, zu lernen und sich nützlich zu machen. Weisheit wird über die vergehenden Jahre hinweg erworben. Alles Erworbene kann die Gegenwart bereichern, jedoch auch später mitgenommen werden.

Ein älterer Mensch ist immer noch nützlich, kann immer noch viel geben. Er hat Lebenserfahrung und er hat Wissen. Er kann die Dinge mit Abstand sehen. Außerdem, da er von allen Zwängen in bezug auf die Erziehung der Kinder oder der beruflichen Tätigkeit befreit ist, haben Senioren weit mehr Zeit und Verfügbarkeit als andere. Sie können vermehrt mit dem Herzen und Gemüt geben und wirken, daher die kraftvollen und eindrücklichen Erinnerungen an unsere Großeltern. Erfüllt von der ganzen Reife des Alters, können die Senioren Vorbild für die nach ihnen kommenden Generationen sein. Sie sind die lebenden Zeugen der wahren Werte. Sie können zeigen, daß das Respektieren dieser Werte einen Sinn hat. Ist in vielen Völkern Alter nicht gleichgesetzt mit Weisheit?

Das Seniorenalter kann die Krönung der vorgehenden Lebensalter sein, wenn man versucht, über den äußerlichen, physischen Schein hinwegzusehen und nach dem tieferen Sinne sucht. Dies zu tun, bedeutet, das Leben aus geistiger Sicht zu erleben.

Christopher Vasey

Dieser Artikel basiert sich auf den Kenntnissen der Gralsbotschaft